Der Ruhrkessel: Ende der Kämpfe im Westen – Verbrechen der Wehrmacht, der SS und Gestapo an der Bevölkerung bis zum letzten Tag

Brennendes Fahrzeug im Ruhrkessel bei Sprockhövel

Von Wolf Stegemann

Die als Ruhrkessel bezeichnete Kesselschlacht, die im April 1945 im Rheinland, Ruhrgebiet und in Westfalen stattfand, war neben dem Kessel von Halbe und der Schlacht um Berlin die letzte große Schlacht des Zweiten Weltkriegs auf europäischem Kriegsschauplatz. Wenn Dorsten auch nicht direkt im Ruhrkessel-Geschehen involviert war, so war Dorsten Ende März doch kämpfendes Durchmarschgebiet, in dem die alliierten Verbände die deutschen vor sich hertrieben, sie bei Lippstadt einkesselten und 300.000 Soldaten der Heeresgruppe B, Reste von 21 Divisionen, und am 1. April zur Aufgabe zwangen. Weiterlesen

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„Russen erschlugen den Polen mit Backsteinen“ – Hans-Josef Nolte aus Holsterhausen erinnert sich an das Kriegsende und den Neuanfang

Von Wolf Stegemann

Das Haus Nr. 151 heutiger Nummerierung an der Borkener Straße, in der es eine Apotheke gibt, ist ein geschichtsträchtiges Haus. In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts fanden dort Ereignisse statt, die sich tief in das Gedächtnis des Bäckermeisters Hans-Josef Nolte sen. eingegraben haben, der damals ein Junge von zehn Jahren war. Der Vater pachtete in dem besagten Haus die Bäckerei Siebrecht, in dem auch eine Wirtschaft war, die „Zur Herrlichkeit“ hieß. Bäckermeister Hans-Josef Nolte verbrachte in diesem Haus eine Kindheit zwischen Backstube, Annette- und Borkener Straße, zwischen Krieg, Besatzung und Frieden. Dementsprechend war diese Zeit für Jungen wie ihn voller Aufregung und Abenteuer, Angst, Trauer und Hoffnung.

Für die tote Mutter war beinahe kein Sarg mehr zu haben

Eheleute Nolte aus Holsterhausen

Bis in sein hohes Alter hing Hans-Josef Nolte ein Ereignis nach, dass er am Ostersonntag 1945 erlebte, als die Amerikaner drei Tage zuvor – am Gründonnerstag – Holsterhausen eingenommen hatten. Der Gottesdienst in der Dorfkirche war voll besetzt. Die Mutter blieb zu Hause und hatte zuvor die Kinder für den Kirchgang zurechtgemacht. Während des Gottesdienstes kam eine Frau aufgeregt in die Kirche gelaufen und sagte zum Geistlichen, dem Rektor Bernhard van Heyden, er möge für das Seelenheil einer Frau beten, die gerade zu Hause gestorben war. Als der Junge nach Hause kam, fand er Nachbarn im Hause vor und fassungslos stand er vor seiner Mutter, die an Herzversagen gestorben war. Sie hinterließ ihren Mann und vier unmündige Kinder. Weiterlesen

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Der kriegsgefangene Russe Kamar Gimadeev arbeitete auf der Zeche Fürst Leopold und erzählte davon seinen Kindern. Jetzt besuchte eine Tochter die Stätte seiner Erinnerungen

W. Stegemann (l.) mit den Besuchern aus Russland in der Nähe des ehem. Lagers; Foto: A. Schüller

Von Wolf Stegemann

Anfang des Jahres 2020 fand in Dorsten ein außergewöhnlicher und bislang vielleicht auch erstmaliger Besuch statt. Ein älteres russisches Ehepaar besuchte in Begleitung von Verwandten Dorsten, um das zu sehen, was deren längst verstorbener Vater ihnen über Dorsten erzählt hatte, als sie noch Kinder waren. Er erzählte von seiner Arbeit als russischer Kriegsgefangener auf der Zeche Fürst Leopold und vom Leben in dem speziellen Zechenlager am Kanal. Jetzt, wo die Kinder alt sind, wollten sie den Dorstener Spuren ihres vor 22 Jahren verstorbenen Vaters nachgehen. Dabei flossen Tränen, denn sie sahen genau das, wie es ihr Vater beschrieben hatte.  Weiterlesen

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Gerard Weijers – Geflüchteter Zwangsarbeiter überlebte im Lembecker Versteck

Ehemaliger Zwangsarbeiter besuchte Dorsten: Gerard Weijers

Von Wolf Stegemann

Auf Einladung der Forschungsgruppe „Dorsten unterm Hakenkreuz“ besuchte 1984 der frühere holländische Zwangsarbeiter Gerard Weijers, geboren 1924 in Nijmwegen, erstmals wieder Dorsten, wo der Holländer in den Jahren des Krieges leben musste. Er arbeitete von 1942 bis 1945 im Stahlwerk Mark im sauerländischen Wengern. Von dort konnte er im Februar 1945 fliehen. Er versuchte, sich nach Holland durchzuschlagen, blieb in Lembeck hängen und versteckte sich dort im damaligen Töns-Bauernhof in Lembeck-Endeln, wo er das Kriegsende erlebte. Seine Geschichte als Zwangsarbeiter fing im Februar 1942 in seinem Wohnort in Nijmwegen an.

Auf den Straßen der von Deutschen besetzten holländischen Stadt spielten sich täglich Krawalle zwischen den holländischen Nazis, den Schwarzhemden, ähnlich der SA, und den anderen Bürgern der Stadt ab, die sich nicht von der deutschen Besatzung und den eigenen Nazis einschüchtern lassen wollten. Als eines abends wieder einmal solche Krawalle stattfanden, ertönten Polizeipfiffe und Kommandos. Weijers, damals gerade 18 Jahre alt, wurde mit anderen Bürgern festgenommen und zur nächsten Polizeiwache gebracht. Dort teilte ihm die deutsche Polizei mit, dass er sich anderntags um 9 Uhr mit Gepäck am Bahnhof von Nijmwegen einzufinden habe. Sollte er nicht erscheinen, drohten Sippenhaft, Geiselaktionen und Konzentrationslager. Weiterlesen

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116. Panzerdivision „Die Windhunde“ – Sie kämpfte auch in Dorsten und ging auf den Rheinwiesen in Gefangenschaft

Die 116. Panzerdivision in der Ardennen-Offensive. Am Panzer ist das "Windhund"-Emblem zu sehen.

W. St. – Als am 28. April amerikanische Armeeeinheiten von Wesel kommend in Dorsten einrückten, stießen sie auf den Widerstand von Resten der 116. Panzerdivision sowie der 180. und 190. Infanteriedivision, die sie bereits vor sich hergetrieben hatten. Allerdings hielt der Widerstand  nicht lange an, war militärisch völlig nutzlos und forderte auch noch in dem völlig zerstörten Dorsten Todesopfer unter den deutschen Soldaten. Die 116. Panzerdivision („Windhund-Division“) wurde aus Resten der 16. Panzergrenadierdivision, die an der Ostfront schwer unter den harten Kämpfen gelitten hatte, und der 179. Reserve-Panzerdivision gebildet. Das Divisionsabzeichen war ein stilisierter Windhund namens „Sascha“. Ihr Motto und Leitspruch lautete:

„Schnell wie ein Windhund,
Zäh wie Leder,
Hart wie Kruppstahl,
Windhund Vor!“

Divisionskommandeur Siegfried von Waldenburg

Die Panzerdivision wurde am 28. März 1944 in Rheine aufgestellt und nach Nordfrankreich verlegt, wo sie in Abwehrkämpfe gegen die Alliierten, die in der Normandie gelandet waren,  verwickelt worden waren. Die Division wurde im Kessel von Falaise eingeschlossen und konnte nur unter großen Verlusten ausbrechen. Dadurch schrumpfte die Division auf 600 Mann und zwölf Panzer. Die 116. Panzerdivision war die einzige deutsche Einheit, welche sich am 16. September 1944 in Aachen befand, als die 3. US-Panzerdivision ihren Angriff auf den Westwall begann. Danach wurde sie in Düsseldorf in einer Stärke von 11.500 Mann und 41 Panzern neu gebildet, nach Aachen verlegt und dem I. SS-Panzerkorps unterstellt. In der Folge war die 116. Panzerdivision an der „Schlacht im Hürtgenwald“ und als Teil der 5. Panzerarmee an der Operationen „Wacht am Rhein“ (später umbenannt in „Herbstnebel“, bekannt als „Ardennenoffensive“) beteiligt und kehrte im Januar 1945 nach Kleve zurück. Bei diesen Kämpfen wurden insgesamt ca. 72.000 Menschen getötet. 2.000 Zivilisten, 30.000 deutsche Soldaten und 40.000 amerikanische Soldaten.
Als die Division die beschädigten Dämme und Brücken der Ruhr verteidigten, starteten die Alliierten am 8. Februar 1945 die Operation „Veritable“. Innerhalb dieser Operation wurde die 116. Panzer-Division von den Alliierten eingekesselt. Ihr gelang es jedoch, sich über den Rhein abzusetzen und die Brücken zu zerstören.

Bäche wurden zur Frontlinie

Abzeichen der 116. Panzerdivision "Windhund"

Von nun an war die Division Teil des XLVII. Panzerkorps der Heeresgruppe H unter Generaloberst Blaskowitz. Der Division wurde am 24. März 1945, ein Tag nach der Totalbombardierung von Dorsten, befohlen, den Vorstoß der amerikanischen 30. Infanteriedivision südlich der Lippe aufzuhalten. Positioniert an der deutsch-holländischen Grenze, begann das Panzergrenadierregiment 60 bei Einbruch der Dunkelheit am 26. März seine Angriffe auf die Stellungen der amerikanischen 30. Infanteriedivision und verhinderte so den weiteren Vorstoß der amerikanischen Division.

Die 116. Panzerdivision setzte sich bei Kirchhellen fest. Die Amerikaner traten bereits am frühen Morgen des 28. April zum Angriff auf Kirchhellen an und drangen in den Ort ein. Die Panzerdivision ging auf die Frontlinie nordwestlich von Polsum-Buer zurück. Der Divisionsgefechtstadt mit dem Kommandeur Siegfried von Waldenburg wurden nach Polsum-Ost verlegt. Die Verteidigungslinien der 116. Panzerdivision waren so dünn, dass sie nach Marl verlegt werden mussten, da sie den Angriffen der 8. US-Panzerdivision nicht standhalten konnten. Am 28. März verteidigten noch Kompanien der Panzerdivision den Raum Dorsten-Kirchhellen-Polsum. Sie verfügten noch über vier Panzer. Ihre Gegner waren hier die 30. US-Infanteriedivision und die 8. US-Panzerdivision. Werner Andrejewski schreibt in „Holsterhausen unterm Hakenkreuz“(2007):

„Beim rechten Nachbarn der 116. Panzerdivision, der 190. Infanteriedivision, drohte ein Durchbruch. Die 116. Panzerdivision beantragte daher beim 47. Panzerkorps einen weiteren Rückzug. Dieser wurde zunächst verweigert. Erst als dem Korps klar wurde, wie groß die Gefahr war – das Panzergrenadierregiment 60 hatte gerade noch 100 Panzergrenadiere bei einem Soll von etwa 1.800 – erfolgte dann doch die Genehmigung. Am Abend zogen sich die 180. Infanteriedivision und die 116. Panzerdivision auf eine Linie am Hasseler Mühlenbach (auf Dorstener Gebiet Rapphoffs Mühlenbach genannt) zurück. Die 180. Infanteriedivision hinterließ in der Stadt Dorsten noch Nachhutverbände, die das weitere Vordringen des Gegners verhindern sollte.“

Am 30. März gab es noch einmal ein Scharmützel der 116. Panzerdivision. Die mit ihren 20 Panzern die Alliierten wieder aus Polsum hinauswerfen konnten. Dennoch musste die deutsche Linie am Abend bis Marl-Hüls zurückgenommen werden, um das Chemiewerk zu verteidigen. Dort übernahm die 116. Panzerdivision bei Siepe 14 neue „Jagdpanther“.

Ein Pferdezug, Rest der 116. Panzerdivision, geht in Gefangenschaft; Foto: US-Archiv

Im Ruhrkessel eingeschlossen

In Dorsten wurden die bis dahin in der Stadt verbliebenen und verschanzten Nachhut-Reste von der britischen königlichen 6. Panzer-Brigade ausgeflankt, als diese die Stadt umging. Der Divisions-Kommandeur Siegfried von Waldenburg kam mit seinem Kommandeurswagen zwar nach Dorsten, kehrte aber nach kurzer Zeit wieder nach Polsum zurück. Sein Stabschef war Oberstleutnant i. G. Heinz Günther Guderian, Sohn des bekannten Heerführers Heinz Guderian. Vereinzelte Abwehrkämpfe im Raum Hervest-Dorsten zogen sich bis in die Abendstunden des 31. März hin. Bis zum Am 4. April wurde der Division befohlen, eine Verteidigungslinie nördlich hinter dem Rhein-Herne Kanal einzunehmen, um so die Verteidigung des nördlichen Ruhrtals zu verstärken. Damit befand sich die 116. Panzer-Division  innerhalb des Ruhrkessels im Raum Hamm-Werl-Menden/Hemer-Iserloh. Reste der Division gelangten aus dem Kessel zur 12. Armee (General Wenck). Bis zum 18. April 1945 hörte jeglicher deutscher Widerstand innerhalb des Ruhrkessels auf. Die Reste der 116. Panzerdivision ergaben sich im Ostteil des Ruhrkessels der amerikanischen 9. Armee.

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